Am Ende des Buchlands

Outtake

Bibliophilia ist der umfangreichste Band der Buchland – Trilogie geworden. Eigentlich wären es noch mehr Seiten, aber während des Lektorats wurden verschiedene Stellen gekürzt. Unter anderem wurde ein kompletter Dialog zwischen Beatrice und einem Fremden, der sich später als Aldous Huxley zu erkennen geben sollte, zum Outtake.

Der Dialog ist nicht handlungsrelevant und hätte vermutlich die Leserschaft gedanklich zu sehr abgelenkt. Deshalb fiel der Text berechtigterweise dem Rotstift des Lektorats zum Opfer.

Wer mag, darf aber gerne die Szene gedanklich in das Kapitel „Schneebälle und Briefe“, Seite141, einfügen

Outtake aus Schneebälle und Briefe

(…) „Das tut gut“, dachte Bea laut. „Möchtest du weiter füttern?“ Sophia nickte, steckte ihre Händchen in die Tüte, um sodann die Eichhörnchen mit Essen zu beschmeißen. David und Goliath beschlossen, dem rabiaten Menschen sein Verhalten durchgehen zu lassen, solange es ihre Mägen füllte. Zum Dank tollten und tobten sie sogar vor Sophia und imponierten mit tollkühnen Kletterkapriolen.

Beatrice zückte währenddessen ihr Handy, aktivierte eine App und schob gedankenlos ein paar Bildchen auf dem Display hin und her.
Einige vertrödelte Minuten später schlenderte ein älterer Herr den Weg heran. Er hatte offensichtlich keine Eile und stoppte hin und wieder an einem der Grabsteine, um die Inschriften zu lesen. Auch für die Eichhörnchen legte er eine Pause ein, wartete geduldig, bis sie die letzte Nuss aus Sophias Tüte eingesammelt hatten. Erst als er direkt vor Beatrice stand, schenkte sie ihm Beachtung.
„Was für ein … schöner neuer Tag“, sagte er, während er die Sonne über sich inspizierte. Seine Stimme krächzte ganz leicht und Beatrice glaubte, einen britischen Akzent herauszuhören. Sein Sprechrhythmus war eigentümlich, denn zwischen den einzelnen Worten platzierte er manchmal Lücken, die einen Hauch zu lang wirkten. Das erste Wort eines jeden Satzes betonte er besonders, was Beatrice auf gewisse Weise an einen Redner der 50er oder 60er Jahre erinnerte. „Darf ich mich da…zu setzen?“
„Ga“, lud Sophia den Fremden ein.
Beatrice rückte ein Stück zur Seite. „Natürlich. Nehmen Sie Platz.“ Danach widmete sie sich wieder dem aktiven Programm im Handy. Ihr wurde rasch bewusst, dass der Mann ihr dabei ziemlich indiskret zuschaute. Er blinzelte durch seine Brille, hatte den Kopf weit vorgebeugt und gab sich auch sonst wenig Mühe, seine Neugierde zu verheimlichen. Seine offensichtliche Fehlsichtigkeit ließ das sowieso kaum zu.
„Warum … schieben Sie kleine gemalte Bonbons auf dem Gerät hin und her?“
Beatrice kämpfte eine bissige Erwiderung herunter, schloss die Anwendung und brachte das Handy in der Jackentasche zum Verschwinden. Senioren brauchten manchmal etwas Smalltalk. Dieser gehörte offenbar dazu. „Das war nur ein Spiel. Man muss versuchen, sie nach Farben zu sortieren.“
„Hm.“ Die Antwort schien den Mann nicht zu befriedigen. „Und dann?“
„Dann verschwinden sie“, erläuterte Beatrice geduldig.
Der Mann schürzte die Lippen. „Haben Sie dafür Geld ausgegeben?“ Er machte keinen Hehl daraus, dass er von solcher Zeitverschwendung nichts hielt.
„Bekommt man kostenlos.“ Warum hatte Beatrice auf einmal das Gefühl sich rechtfertigen zu müssen?
„Kostenlos?“ Wieder legte der Mann eine größere Pause beim Sprechen ein. „Wie verdienen dann die Macher des Spiels … ihr Brot?“
„Sie greifen sich ein paar Daten von meinem Handy ab. Profildaten, Kontakte, Standort oder so.“
„Hm.“ Der Mann lehnte sich zurück und betrachtete nun nochmals das Blau des Himmels. Schließlich, Beatrice vermutete schon, er sei an einer Fortsetzung des Gesprächs nicht mehr interessiert, sagte er: „Das … lassen Sie zu?“
Beatrice zuckte mit den Schultern. „Klar. Warum nicht? Viel erfahren die nicht über mich.“ Sie hatte keine Lust eine der leidigen Datenschutz-Diskussion zu beginnen. Was verstand ein alter Mann denn vom Internet?
„Ich dachte immer … dass es ein totalitäres System sein müsste, das Utopien für den Preis der Persönlichkeit bietet.“ Der Mann verfiel in ein nachdenkliches Schweigen. Ein paar Sekunden später fragte er: „Finden Sie … es gut, wenn andere Leute mehr über Sie wissen, als Sie selbst es tun?“
„Oh.“ Ein bitteres Lachen folgte Beatrice’ Ausruf. „Für den Moment habe ich den Eindruck, als wüsste jeder, wirklich jeder, mehr über mich, als ich es tue.“
„Wegen des … Telefons in Ihrer Hand?“
„Nein.“ Beatrice seufzte schwer. „Ganz und gar nicht.“
„Wie gut, dass … Sie die Wahl haben.“
„Ich habe eine Wahl?“
„Die hat man immer. Sie können das, was falsch läuft, über sich ergehen lassen oder Sie können sich darum bemühen, es zu ändern. Ist es nicht der Kern“, sagte der Mann und erhob sich von seinem Sitzplatz, „… einer jeglichen Individualität?“
„Sie wissen anscheinend auch mehr über mich, als ich es tue“, stellte Bea fest. „Kennen wir uns?“
„Nein.“ Der Mann wandte sich zum Gehen. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass ich dieser Tage Post erhalten werde. Und dann … werden wir uns wiedererkennen.“
Was für eine kryptische Antwort, dachte Beatrice. Sie blickte dem Fremden hinterher, bis er mit den Schatten zwischen den Bäumen verschmolz.

„Mama“, erklärte Sophia, „Eichechen.“
„Ja, mein Schatz“, sagte Beatrice, „Eichhörnchen. Aber die Nüsse sind alle alle.“
„Eichechen“, sprach Sophia David an. Der Nager richtete sich erwartungsvoll auf. Seine Vorderpfoten legten sich in einer Bitte-Bitte-Haltung zusammen. Zu seiner Enttäuschung gluckste Sophia: „Alle alle.“
Die Tiere verstanden und flitzten enttäuscht davon. Sie ließen sich dabei dazu hinreißen, in wilden Spiralbahnen um Stämme zu klettern, über dünne Äste zu springen und sich gegenseitig spielerisch
zu schubsen. Ihre Balgerei endete beinahe damit, dass Goliath aus der Baumkrone fiel. Doch er hatte wohl einen guten Schutzengel, der dafür sorgte, dass er in letzter Sekunde Halt an ein paar Zweigen fand.

 

(c) Markus Walther